Sommer in Odessa – Irina Kilimnik

Auf meiner Mission mehr ukrainische Autoren zu lesen, bin ich auf das Buch “Sommer in Odessa” gestoßen, das Anfang von 2023 veröffentlicht wurde. Mich überraschte es, das Datum zu sehen, an dem das Buch erschienen ist, da es von der Erzählung und von der Stimmung her am besten als Sommerlektüre passt. Spannend fand ich es auch, dass die Autorin zwar selber Ukrainerin ist, das Buch aber original auf deutsch veröffentlicht wurde.

Es wurde eine unvergessliche sommerliche Atmosphäre geschaffen, die für mich umso besonderer war, da ich mir durch meinen vorherigen Odesa-Besuch gut die beschriebenen Orte vorstellen konnte. Ich wähle beabsichtigt die ukrainische Schreibweise der Stadt mit einem “s”, da Odesa mit doppeltem “s” eine Transkription des Stadtnamens aus dem Russischen ist. Das Buch könnte ich mir gut als Basis für einen Film vorstellen, der die Geschichte mit der Schönheit der ukrainischen Stadt im Hintergrund auf eine besondere Art und Weise darstellen können würde.

Die Sonne glüht beinahe ununterbrochen auf die Stadt herunter und heizt alles auf hochsommerliche Temperaturen auf. Auf der Deribasovskaja-Straße herrscht trotz der jüngsten Ereignisse eine ausgelassene Stimmung. Touristen mit Selfiestangen, Kaffeeterassen, die mittlerweile fast den gesamten Bürgersteig in Anspruch nehmen und die Odessiter in Rage versetzen, eine Schlange vor der französischen Konditorei, die vor einem Jahr aufgemacht hat und bereits in jedem Reiseführer steht. Pferde, die weiße Kutschen hinter sich herziehen und mit ihren Hufen rhythmisch auf die Pflastersteine schlagen, Kinder, die an ihrem Eis lecken, sowie deren Großmütter mit einem Taschentuch in der Hand, immer bereit einzugreifen.

S. 10-11

Eine bestimmte unbeschwerte Stimmung wurde eingefangen, wo die einzige Aufgabe der Hauptperson das Studieren ist und sie sich noch nicht so viele Gedanken über die weitere Zukunft macht. Man wurde an die eigenen Teenagerzeiten zurückerinnert, die Schüchternheit, die Unbeholfenheit und die größte Sorge, von seinem Schwarm gemocht zu werden. Besonders gut wurde auch die Art und Weise eingefangen, wie vor allem ukrainische Frauen Acht auf ihren Körper und ihr Aussehen geben. Das Beneiden, wie schlank die Freundin ist und dass die ganze Aufmerksamkeit von Männern bekommt, das Herrichten zum Ausgehen, Make-Up, Stöckelschuhe, kurze Kleider – all das klang für mich mittlerweile nostalgisch. Spannend fand ich auch, dass es gewisse Parallelen zum Leben der Autorin gab, wie sie es bei einem Interview beim Literaturhaus Berlin verriet. Auch sie ist den Weg eines ungewollten Medizinstudiums durch, das sie vorzeitig beendet hatte, genauso wie die Hauptfigur des Romans.

In meinem Alter sollte ich eigentlich wissen, was sich gehöre und was nicht. Meine Ankündigung, doch keine Ärztin werden zu wollen, habe Opa enorm zugesetzt, sagten sie, ich hätte ihm den Boden unter den Füßen weggerissen.

S. 162

Im Großen und Ganzen fehlte für mich bei der Geschichte das besondere Etwas, um einen starken Eindruck zu hinterlassen und im Gedächtnis zu bleiben. Die Passagen über das Kiffen, die am Anfang über acht Seiten angeschnitten wurden, haben für mich persönlich auch gleich den ersten Eindruck getrübt. Politische Momente wurden ein wenig angeschnitten, wie das Verhältnis zwischen russisch- und ukrainisch-sprechenden Leuten war, wurde jedoch nicht näher im Detail beschrieben. Ich könnte nicht sagen, dass es mir absolut nicht gefallen hat, aber mehr als 3/5 ★ würde ich dem Buch von der Bewertung her nicht geben. Es kann sein, dass die Geschichte einem nicht-ukrainischen Leser vielleicht besonderer erscheint, also bin ich gespannt, wie es weiterhin vom generellen Publikum aufgenommen wird und ob eine englische Übersetzung davon erscheinen wird.

Das sommerliche Odessa zu dieser Uhrzeit mag ich am meisten. Es ist noch nicht sehr viel los auf den Straßen, und manchmal sieht man noch die letzten Lkw, die den Asphalt mit Wasser abkühlen. Der Schatten der Bäume reicht bis zur gegenüberliegenden Straßenseite, und die Sonne ist angenehm mild. Mädchen in hochhackigen Schuhen und Miniröcken beeilen sich, ihre Pflichten zu erledigen, um später auf den Boulevards mit gespielter Langeweile und einem lässigen Gang die Jungs zu ködern.

S. 209-210

Ich würde das Buch vor allem jenen empfehlen, die auf der Suche nach einer leichten Sommerlektüre sind, die sich gut in die Umgebung von Strand, Sommer und Meer einfügt.

Sommer in Odessa – Irina Kilimnik

★★★☆☆ (3/5)

Ausgabe: ISBN 978-3-0369-5897-2
Kein & Aber, 2023

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